Interview mit Dr. Andreas Greger über die unterschätzte Volkskrankheit Fettleber.
Ein prominenter Fall hat zuletzt für Aufmerksamkeit gesorgt: Evelyn Burdecki – bekannt aus Reality-TV-Formaten wie „Der Bachelor“ und „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ – berichtete öffentlich, dass bei ihr eine Fettleber festgestellt wurde. Viele reagierten überrascht: jung, schlank, kein offensichtliches Risikoprofil. Doch genau das, sagt Dr. Andreas Greger vom Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar zeigt ein weit verbreitetes Missverständnis.
Herr Dr. Greger, viele waren erstaunt über den Fall Evelyn Burdecki. Eine junge, schlanke Frau – und trotzdem eine Fettleber. Ist das ungewöhnlich?
Nicht unbedingt. Die Irritation ist aber nachvollziehbar – aber sie beruht auf einem verbreiteten Denkfehler. Viele Menschen verbinden die Fettleber ausschließlich mit starkem Übergewicht oder Diabetes. Das sind zwar wichtige Risikofaktoren, aber eben nicht die einzigen. Tatsächlich kann eine Fettleber auch bei Menschen auftreten, die äußerlich gesund wirken. Stoffwechselprozesse sind komplex, und Faktoren wie Ernährung, genetische Veranlagung oder auch Lebensstil spielen eine Rolle. Insofern ist der Fall nicht so ungewöhnlich, wie er auf den ersten Blick erscheint.
Ist es wichtig, dass prominente Menschen diese Erkrankung nicht verschweigen?
Ja, definitiv. Solche Fälle sorgen dafür, dass das Thema stärker in den Fokus rückt. Die Fettleber ist eine Volkskrankheit, über die viele wenig wissen. Wenn Medien berichten, steigt die Aufmerksamkeit – und das ist wichtig für die Prävention. Der Fall Evelyn Burdecki zeigt: Die Fettleber ist längst keine Randerscheinung mehr – und sie betrifft nicht nur klassische Risikogruppen. Umso wichtiger ist es, das Bewusstsein für diese häufige, aber oft stille Erkrankung zu schärfen.
Sie sprechen von einer häufigen Erkrankung – ist die Fettleber inzwischen eine Volkskrankheit?
Ja, das kann man so sagen. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa ein Viertel der Bevölkerung betroffen ist. In manchen Regionen der Welt sogar noch mehr. Gleichzeitig steigt die Zahl weiter an. Das hängt eng mit unserer Lebensweise zusammen – also mit Ernährung, Bewegungsverhalten und Stoffwechselerkrankungen. Deshalb wird sie auch oft als Zivilisationskrankheit bezeichnet.
Wird die Erkrankung Ihrer Meinung nach unterschätzt?
Ja, in gewisser Weise schon. Der Begriff klingt harmlos, fast banal. Viele denken: „Ein bisschen Fett in der Leber – was soll’s?“ Dabei kann sich daraus eine ernsthafte Erkrankung entwickeln. Allerdings ist sie nicht die einzige unterschätzte Gesundheitsgefahr – das gilt auch für Rauchen, Alkohol oder Übergewicht.
Warum nimmt die Erkrankung so stark zu?
Die Ursachen sind gut bekannt – und leider typisch für unseren Lebensstil. Übergewicht, insbesondere Adipositas, spielt eine große Rolle. Dazu kommen Bewegungsmangel, eine zucker- und fettreiche Ernährung sowie Erkrankungen wie Diabetes. Oft wirken mehrere dieser Faktoren gleichzeitig. Und genau das macht es so schwierig: Es ist selten „die eine Ursache“, sondern ein Zusammenspiel.
Auch Kinder sollen zunehmend betroffen sein.
Das ist eine besorgniserregende Entwicklung. Wenn wir sehen, dass Übergewicht bei Kindern zunimmt – und das tun wir weltweit – dann sehen wir auch mehr Fettlebererkrankungen in jüngeren Jahren. Das ist letztlich ein Spiegel unserer Gesellschaft: weniger Bewegung, mehr Bildschirmzeit, ungünstige Ernährungsgewohnheiten. Und diese Muster beginnen eben nicht erst im Erwachsenenalter.
Das Heimtückische ist: Man merkt lange nichts.
Genau. Die Fettleber verursacht zunächst keine typischen Beschwerden. Viele Menschen haben eine Fettleber und fühlen sich vollkommen gesund. Selbst wenn sich bereits eine Entzündung entwickelt oder erste Vernarbungen entstehen, kann das ohne klare Beschwerden verlaufen. Oft wird die Diagnose eher zufällig gestellt. Viele Patienten erfahren erst zufällig davon – etwa bei einer Ultraschalluntersuchung.
Kann man sich zumindest auf Blutwerte verlassen?
Leider nur eingeschränkt. Normale Leberwerte schließen eine Fettleber nicht aus. Umgekehrt können erhöhte Werte viele Ursachen haben. Deshalb ist die Diagnose oft nicht ganz einfach.
Heißt das im Umkehrschluss: Die Krankheit wird oft zu spät erkannt?
Ja, das ist häufig der Fall. Ein flächendeckendes Screening gibt es nicht – und wäre auch schwer umzusetzen. Deshalb entdecken wir viele Fälle erst dann, wenn bereits Veränderungen fortgeschritten sind. Das ist eine der großen Herausforderungen.
Wie kann sich eine Fettleber im schlimmsten Fall entwickeln?
Ein Teil der Betroffenen entwickelt eine Entzündung der Leber. Daraus können Vernarbungen entstehen – bis hin zur Leberzirrhose. Und in manchen Fällen entwickelt sich daraus auch Leberkrebs. Das passiert nicht bei allen, aber das Risiko ist vorhanden und sollte ernst genommen werden.
Wie reagieren Patienten, wenn sie die Diagnose hören?
Oft überraschend gelassen. Der Begriff wirkt nicht bedrohlich, und viele nehmen das zunächst nicht als ernsthafte Erkrankung wahr. Die eigentliche Herausforderung kommt später: wenn klar wird, dass man seinen Lebensstil verändern muss. Das ist für viele der schwierigere Teil.
Was bedeutet diese Veränderung konkret?
Im Kern geht es um eine nachhaltige Umstellung des Lebensstils. Eine ausgewogene Ernährung – häufig empfehlen wir eine mediterrane Kost –, weniger Zucker, weniger stark verarbeitete Lebensmittel. Dazu
regelmäßige Bewegung und, wenn nötig, Gewichtsreduktion. Schon fünf bis zehn Prozent weniger Körpergewicht können einen deutlichen Effekt haben. Aber das Entscheidende ist: Diese Veränderungen müssen dauerhaft sein.
Viele hoffen auf Medikamente. Wie ist da der Stand?
Es gibt neue Entwicklungen und erste Medikamente für bestimmte Patientengruppen.
Das ist ein wichtiger Fortschritt. Aber man darf sich davon nicht zu viel versprechen: Die Basis der Therapie bleibt die Lebensstiländerung. Medikamente können unterstützen, aber sie ersetzen diese nicht.
Wenn Sie zum Schluss nur einen einzigen Rat geben dürften – welcher wäre das?
Dann wäre es ganz klar: Prävention. Die Fettleber gehört zu den Erkrankungen, bei denen wir viele Einflussmöglichkeiten haben. Wer früh auf Ernährung, Bewegung und Gewicht achtet, kann sehr viel verhindern. Und das ist am Ende immer besser, als eine Erkrankung später behandeln zu müssen. Also: Vorsorge ist besser als Nachsorge.
Text: HNA vom 24.04.2026 von Maya Yüce
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