Mit einem 31-sekündigen Lied feiert das Hospital zum Heiligen Geist jede Geburt
Wenn im Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar neuerdings eine sanfte Melodie erklingt, dann ist das mehr als nur eine Hintergrundmusik. Dann ist ein neuer Mensch angekommen. Die Idee dazu begleitet Chefarzt Dr. Bertram Stitz schon seit vielen Jahren. An seiner früheren Wirkungsstätte, einem Krankenhaus in Herfeld, wurden Neugeborene mit kurzen Musikstücken willkommen geheißen – damals mit Klängen des Deutschen Spieluhrenorchesters. Die CD von einst existiert längst nicht mehr. Geblieben sind jedoch die Erinnerung und die Überzeugung, dass Musik genau im richtigen Augenblick etwas bewegen kann. „Musik kann einem Moment eine besondere Bedeutung geben“, sagt Stitz im Gespräch mit der HNA.
Als im Fritzlarer Hospital kürzlich die Lautsprecheranlage erneuert wurde und sich damit neue technische Möglichkeiten ergaben, griff Stitz die alte Idee wieder auf. Dieses Mal sollte es jedoch keine fertige Aufnahme sein, sondern etwas Eigenes – unverwechselbar und mit Bezug zum Haus. Fündig wurde er direkt im Kollegenkreis: Dr.med. habil. Guennadi Sloutsker, Leiter des Medizincontrollings, übernahm die Aufgabe.
Sloutsker hatte in Russland eine Musikschule besucht, Klavier gelernt und selbst komponiert. Die Anfrage ließ ihn nicht lange zögern. „Ich habe mich über den Auftrag sehr gefreut“, sagt er lächelnd. Mehrere kurze Stücke stellte er vor. „Instrumental, ruhig, mit einem kindlichen, neugeborenen Charakter“, beschreibt Stitz die Auswahl. „Wie ein Wiegenlied – freundlich, beruhigend, behutsam“, ergänzt Sloutsker. Die Klinikleitung war begeistert. Sloutsker schenkte dem Hospital seine Komposition – und machte sie damit zugleich GEMA-frei.
Das Originalstück dauert mehr als drei Minuten. Für den Klinikalltag wurde daraus eine 31 Sekunden lange Willkommensmelodie. „Ein bisschen länger dürfte sie ruhig sein“, meint Stitz augenzwinkernd. Denn die Resonanz ist durchweg positiv – bei Eltern ebenso wie bei Patienten und Mitarbeitenden. Schließlich ist mit der Musik immer eine gute Nachricht verbunden. „Wir sind wieder einer mehr. Ein toller Mensch mehr.“
Kurz wurde auch darüber nachgedacht, den Vornamen des Kindes über die Lautsprecher zu nennen. Aus Datenschutzgründen entschied man sich dagegen. Die Botschaft bleibt dennoch klar: „Mit jedem neuen Menschen hat die Welt die Chance, ein Stückchen besser zu werden“, sagt Stitz. Und genau das dürfe man auch musikalisch feiern.
Die Melodie ist in allen Gemeinschaftsräumen zu hören, teils auch in den Patientenzimmern. Ein schöner Nebeneffekt, so sind sich viele im Haus einig: Positive Nachrichten können die Atmosphäre verändern und möglicherweise sogar den Heilungsprozess unterstützen.
Rund 700 Kinder kommen im Fritzlarer Hospital jedes Jahr zur Welt. Für jedes von ihnen erklingt die Melodie einmalig zwischen 7 und 21 Uhr. Babys, die nachts geboren werden, werden am nächsten Morgen begrüßt, aus Rücksicht auf die Mitpatienten. Der Zeitpunkt wird bewusst so gewählt, dass die Eltern den Moment miterleben können, etwa bei der Verlegung vom Kreißsaal auf die Wochenstation.
Begeistert ist auch Schwester Sabine Schmiedl-Henning, die seit 35 Jahren auf der Wochenstation arbeitet. „Das ist jedes Mal ein schöner Moment“, sagt sie. Einer davon ereignete sich am Dienstag in den frühen Morgenstunden, als Marie-Theres Schade aus Sachsenhausen um 3.14 Uhr ihren Sohn Leon Elias zur Welt brachte. Einige Stunden später erklang die Melodie über die Lautsprecher. „Sehr schön und beruhigend“, sagt die junge Mutter und lächelt. Beim Klang der Musik habe ihr Sohn auch kurz gelächelt. Ein neues Leben – begrüßt mit Musik.
Text: HNA-Artikel vom 02.02.2026 von Maya Yüce
Foto: Maja Yüce