Dr. Andreas Greger vom Fritzlarer Hospital erklärt, wie eine Fettleber das Krebsrisiko erhöht
Leberkrebs zeigt oft keine frühen Symptome, deshalb merken viele Betroffene lange Zeit nichts. Dabei entscheidet die Früherkennung über die Heilungschancen. Dr. Andreas Greger, Chefarzt am Fritzlarer Hospital zum Heiligen Geist, erklärt, wer besonders gefährdet ist, wie regelmäßige Kontrollen helfen und welche Rolle Lebensstil und Ernährung spielen. Sein Rat: Vorsorge und gesunder Lebensstil können entscheidend sein, um das stille Risiko Leberkrebs zu verringern.
Leberkrebs macht oft lange keine Beschwerden – woran merken Betroffene trotzdem, dass sie ärztlich nachsehen lassen sollten?
Grundsätzlich gibt es leider keinerlei typischen frühen Zeichen für Leberkrebs, dem sogenannten Hepatozellulären Karzinom. Häufig treten Symptome erst im fortgeschrittenen Stadium oder bei Komplikationen auf. Manchmal kommt es lediglich bei einer typischen Lage einer Raumforderung der Leber zu entsprechenden, dann früher auftretenden, Symptomen. Allgemeine Zeichen einer Leberkrankheit sind Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Gewichtsabnahme, sowie insbesondere eine sogenannte Gelbsucht (Ikterus). Letztere kann einen Hinweis auf eine fortgeschrittene Leberschädigung oder Abflussstörung der Galle darstellen.
Wer sollte seine Leber regelmäßig kontrollieren lassen, auch wenn er sich eigentlich gesundfühlt?
Es gibt durchaus sogenannte Hochrisikogruppen für das Auftreten von Leberkrebs. Dies betrifft insbesondere Patienten mit einer chronischen Virushepatitis (Hepatitis B und C) sowie auch Patienten mit einer bereits bestehenden Leberzirrhose. Hier bestehen bereits Empfehlungen zur regelmäßigen Nachsorge mittels Laboruntersuchung und Ultraschall. Ein immer mehr in den Vordergrund rückender Risikofaktor ist jedoch die Fettleber, die insbesondere in den Industriestaaten deutlich zunehmende Fallzahlen hat.
Viele Menschen haben eine Fettleber: Wie gefährlich ist das – und wann wird daraus ein echtes Krebsrisiko?
Die Fettleber ist ein zunehmendes weltweite Problem. Zum Teil bis zu rund 40 Prozent der Bevölkerung weltweit leiden an einer vermehrten Leberverfettung. In Deutschland ist es etwa ein Viertel der Bevölkerung. Zwischen den 1990er-Jahren und heute gab es hierbei einen Anstieg von etwa 50 Prozent. Damit stellt die Fettleber nicht nur einen individuelles gesundheitliches, sondern auch ein zunehmendes gesundheitsökonomisches Problem dar.
Welche Risiken bestehen bei einer Fettleber und kann sie zu Leberkrebs führen?
Die Risiken liegen hier insbesondere in einem voranschreitender Leberverfettung zu einer vermehrten Vernarbung bis hin zur Leberzirrhose. Insbesondere letztere hat das Risiko ernsthafter Komplikationen wie vermehrte Blutungsneigung, aber eben auch die Ausbildung eines Leberkrebses. Bei der Leberzirrhose besteht das Risiko zwischen einem und acht Prozent, ein hepatozelluläres Karzinom zu erleiden. Wichtig ist hierbei jedoch zu erwähnen, dass bis zu 50 Prozent der Fälle von Leberkrebs bei der Fettleber auch bereits ohne Zirrhose auftreten können.
Ab welchem Alter oder bei welchen Vorerkrankungen raten Sie zu regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen der Leber?
Eine Altersempfehlung beziehungsweise ein Ausschluss ab einem bestimmten Alter existieren nicht. Offizielle Vorsorge-Empfehlungen bestehen, wie oben genannt, im Rahmen einer klassischen Früherkennung bei der Leberzirrhose beziehungsweise Patienten mit chronischer Virushepatitis. Sollte es im Rahmen einer Fettleber-Erkrankung zur Zirrhose-Entwicklung kommen, werden hier regelmäßige Ultraschallkontrollen und Laboruntersuchung zur Krebsfrüherkennung alle sechs Monate empfohlen. Trotz des erhöhten Risikos für Leberkrebs auch ohne Zirrhose gibt es jedoch bei der Fettleber
keine diesbezüglichen Leitlinien-Empfehlung, hier muss individuell entschieden werden.
Wie sollte eine Fettleber überwacht werden und welche Untersuchungen sind sinnvoll?
Was sinnvoll ist, ist eine regelmäßige Überwachung einer Fettleber mit Labortests, vor allem um auch weitere, damit verbundene Risiken wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu erkennen. Zudem existiert eine spezielle „Steifigkeits-Messung“, die sogenannte Elastographie, um den Grad der Vernarbung erkennen und auch im Verlauf beurteilen zu können.
Wie einfach ist Früherkennung im Alltag – reicht ein Ultraschall beim Hausarzt oder braucht es Spezialuntersuchungen?
Der Hausarzt ist immer der sinnvolle primäre Ansprechpartner. Dieser kann einerseits die oben genannten weiteren Risikofaktoren abklären, eine Sonographie und Laboruntersuchungen durchführen. Andererseits hat er einen wichtigen Anteil nicht nur an der Vorsorge, sondern auch an der Vermeidung (Prävention) von Lebererkrankungen durch entsprechende Aufklärungsmaßnahmen. Spätestens jedoch beim – auch in Leitlinien empfohlenen – High End-Ultraschall der Leber mit oben genannter Elastographie wird eine Vorstellung beim Leberspezialisten nötig werden.
Was bedeutet eine frühe Diagnose konkret für die Heilungschancen bei Leberkrebs?
Wie bei eigentlich allen Krebserkrankungen hat eine Erkennung der Krankheit in frühen Stadien einen signifikanten Vorteil in Bezug auf die Heilungschancen. Frühe, lokalbegrenzte Veränderungen bieten häufig noch die Chance einer operativen Therapie beziehungsweise kurativer lokaler Maßnahmen. Fortgeschrittene Stadien von Leberkrebs haben mittlerweile zwar zahlreiche Möglichkeiten einer Systemtherapie, diese jedoch meistens eben nicht mehr mit der Möglichkeit einer Heilung, sondern zur Krankheitskontrolle.
Gibt es Fälle aus Ihrer Klinik, in denen Leberkrebs früh erkannt und gut behandelt werden konnte?
Auch in unserem Hospital werden regelhaft Patienten mit Leberkrebs diagnostiziert. Das schließt auch Patienten mit ein, die aufgrund einer kleinen, aber auffälligen Leberveränderungen zur Leberprobe vorgestellt wurden. Über eine rasche Diagnosestellung ist dann entweder die Vorstellung in einer Leberchirurgie oder auch die Anwendung sogenannter „lokal ablativer Verfahren“ möglich. Bei letzterer wird mittels Mikrowellen oder Radiowellen der Prozess quasi „verödet“. Somit ist letztlich bei früherer Erkennung, insbesondere kleiner Veränderung, eine Heilung möglich.
Welche Rolle spielen Lebensstil und Ernährung – und was kann jeder Einzelne realistisch selbst tun?
Besser als jede Früherkennung ist die Vermeidung von Krankheiten, die Prävention. Insbesondere in Bezug auf Leberkrebs heißt das natürlich die Vorbeugung einer Fettleber, unter anderem durch fettarme, mediterrane Kost, ausreichend Bewegung, Meiden von schadhaftem Alkoholgenuss, Anstreben des
Idealgewichts, etc. Auch das Verhindern einer Virushepatitis ist eine vorbeugende Maßnahme – sei es durch Impfung oder auch durch Schutz vor einer sexuellen Übertragung.
Warum wird Leberkrebs Ihrer Erfahrung nach oft zu spät entdeckt?
Das liegt einerseits an den fehlenden Frühsymptomen, andererseits auch an den häufig nicht bekannten zugrunde liegenden Krankheiten, womit die empfohlene regelmäßige Überwachung nicht möglich
ist. Dies führt mitunter zu einer Diagnosestellung bei bereits fortgeschrittenen Stadien.
Was ist Ihre wichtigste Botschaft an die Leserinnen und Leser zum Thema Lebergesundheit und Vorsorge?
Die Aussage zu dieser Frage sollte immer lauten: Vorsorge ist besser als Nachsorge. Daher besteht grundsätzlich die Empfehlung zu vorbeugendem Verhalten, was insbesondere die oben genannten Punkte in Bezug auf den Lebensstil betrifft. Sollte bereits eine Risikokonstellation vorliegen, ist eine regelmäßige Überwachung einerseits beim Hausarzt oder der Hausärztin, und im Weiteren auch bei einem Leberspezialisten anzuraten.
Text: HNA-Interview vom 04.02.2026 von Maya Yüce
Foto: Hospital Fritzlar